Deutschland: Können Coronavirus-Massentests in Schulen erlaubt werden?


"Das kann man den Kindern nicht antun". Schnelltests und Selbsttests für die Jüngsten: Der Nordkurier sprach mit der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Dr. Helene Timmermann über die umstrittenen Vorschläge des Bundesgesundheitsministeriums.

Covid-19 Selbsttest

Am Freitag gab Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) bekannt, dass das Land Mecklenburg-Vorpommern zwei Millionen Coronavirus-Selbsttests bestellt hat, die bereits ab Montag in Schulen eingesetzt werden könnten. Zunächst sollen sich Lehrer und Erzieher direkt in den Einrichtungen den Schnelltests unterziehen - aber auch regelmäßige Pflichttests für Schüler sind geplant. Hier.

In einer gemeinsamen Stellungnahme von vier führenden Fachverbänden äußerten sich Kinder- und Jugendärzte kritisch und bezeichneten die zugrundeliegenden Vorschläge aus dem Ressort von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) als "nicht begründet und angemessen". Unter anderem, weil bisher nicht nachgewiesen sei, dass von infizierten Schulkindern ausgehende Infektionsausbrüche ein relevanter "Motor" der Pandemie seien. Diese Einschätzung wurde kürzlich vom Robert-Koch-Institut (RKI) bestätigt.

Interview

Nun äußern sich weitere Experten besorgt über die geplanten Massentests an Schulen. Der Nordkurier sprach mit der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Dr. Helene Timmermann - sie ist Vorsitzende des VAKJP, des größten Berufs- und Fachverbandes der analytischen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten in Deutschland. Sie arbeitet in ihrer eigenen Praxis in Hamburg.

Unterricht im Klassenzimmer

Herr Dr. Timmermann, um am Frontalunterricht teilnehmen zu können, sollen Kinder und Jugendliche demnächst in der Schule Schnelltests und Selbsttests einsetzen. Was halten Sie als Fachtherapeut von diesen Plänen?

"Ich bin sehr skeptisch. Wie werden sich zum Beispiel Grundschüler testen? Einige werden es sehr ernst nehmen, andere werden sich einen Spaß daraus machen. Ich glaube nicht, dass man den Ergebnissen viel Bedeutung beimessen kann. Was ist, wenn ein Test falsch-negativ zurückkommt, ein Schüler infiziert wird und dann im Laufe des Schultages andere ansteckt? Das wird bei vielen Kindern und Jugendlichen Gewissensbisse auslösen - dass sie andere krank gemacht und ihnen geschadet haben. Ich denke, das ist unverantwortlich."

Die Schuld der Kinder

Würde sich eine ständige Prüfroutine direkt auf die Psyche der Kinder und Jugendlichen auswirken?

"Natürlich. Die Angst, krank zu werden und sich anzustecken, wird unweigerlich zu einem täglichen Begleiter. Und auch die Angst, andere angesteckt zu haben, was für viele Kinder wohl noch schlimmer ist. "Ich habe etwas falsch gemacht und dadurch sind andere geschädigt worden, das wird Konsequenzen haben". Schuldgefühle kann es geben, wenn z. B. Eltern oder Großeltern dadurch krank geworden sind. Das kann man den Kindern nicht antun."

Verbesserung

Wie können wir es besser machen?

"Es würde einen großen Unterschied machen, wenn diese Tests zu Hause und bei jüngeren Kindern von den Eltern oder einem anderen Erwachsenen, zu dem sie Vertrauen haben, durchgeführt würden. Zum Beispiel am Sonntagabend oder Montagmorgen, bevor die Schule wieder beginnt. Für Grundschüler ist es ein großer Unterschied, ob sie sich im Schulgebäude testen lassen müssen oder ob ein Elternteil den Test zu Hause in einer geschützten Umgebung durchführt. Am wichtigsten ist, dass ich dafür bin, Lehrer und anderes Schulpersonal so schnell wie möglich zu impfen. Man sollte nicht bei den Kindern anfangen, sondern bei den Erwachsenen."

Angststörungen und Zwangsstörungen

Welche langfristigen Folgen könnte es haben, wenn sich Kinder und Jugendliche durch wiederholte Tests und obligatorische Maskierungen als potenzielle Bedrohung für die Gesundheit ihrer Altersgenossen wahrnehmen?

"Es wird in Zukunft deutlich mehr Angststörungen und Zwangsstörungen geben. Es fängt jetzt schon an zu passieren: Eltern rufen an und sagen: 'Mein Kind war schon immer ängstlich und zurückgezogen, aber jetzt ist es dramatisch, wir können es nicht mehr ertragen.' Es könnte auch sein, dass mehr Kinder aggressiv reagieren - vor allem, wenn es beim Einsperren auch noch an Körperkontakt mangelt."

Teenager

Was sind die wirklichen Folgen für Jugendliche, die in einem Kontext von Enge, Masken, Abstandsregeln und bald wahrscheinlich auch Pflichtprüfungen aufwachsen?

"Auf jeden Fall erleben sie keine normale Pubertät. Sie wachsen in einer körperfeindlichen Zeit auf - und das in einer Phase des Lebens, in der Körperlichkeit und das Vertrautwerden mit dem sich verändernden Körper so wichtig sind. Es geht darum auszuprobieren, wie man auf andere wirkt, wie es sich anfühlt, Körperkontakt zu haben, wo die Grenzen sind. Diese Dinge müssen meist in der Pubertät ausprobiert werden. Aber Nähe zu Mitmenschen wird derzeit als gefährlich angesehen."

Die negativen Folgen

Aber viele Teenager finden immer noch den Weg...

"Ja, das stimmt! Bei dem schönen Wetter neulich war in den Parks ja auch viel los. Aber hier in Hamburg ist dann gleich die Polizei gekommen und hat kontrolliert. Ein Jugendlicher wurde sogar von einem Streifenwagen gejagt, weil er keine Maske trug. Beim ersten Lockdown hat mir ein Mädchen erzählt, dass es sich mit seinem Freund hinter einer Parkbank vor einer Polizistin versteckt hat. Sie wurden zwar entdeckt, aber die Beamtin ließ die beiden gehen. Das war eine nette Geschichte. Aber die negativen Folgen sind doch offensichtlich: Die eigentlich normalen und aufregenden Dinge der Pubertät werden mit Ängsten und schlechtem Gewissen verbunden."

Bewertung

Wie beurteilen Sie als Experte die politischen Maßnahmen insgesamt im Hinblick auf Kinder und Jugendliche?

"Ich habe den Eindruck, dass viele Strategien von Erwachsenen entwickelt wurden, die nichts mit Kindern zu tun haben und in medizinischen Kategorien denken: Es gibt einen Infektionsherd, der entschärft werden muss. Wenn man selbst Kinder hat oder viel mit Kindern zu tun hat, neigt man dazu, darüber nachzudenken, was die Maßnahmen langfristig mit den jungen Menschen machen. Nicht nur physisch, sondern auch psychisch. Es wird zu viel Panikmache betrieben, vor allem in Bezug auf Kindergärten und Schulen. Ich halte das weder für okay noch für gerechtfertigt. Wir sollten die Kinder davor schützen."


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